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Musik

Starke Töne aus dem Beethoven-Haus

25. Februar 2023

Ein Jahr nach der russischen Invasion in die Ukraine setzen das Beethoven-Haus Bonn und der Internationale Club La Redoute mit einem Gesprächskonzert ein Zeichen der Solidarität.

Der Violinist Janusz Wawrowski (l.) und der Pianist Alexey Botvinov geben auf einer Bühne ein Konzert
Janusz Wawrowski (Violine) und Alexey Botvinov (Klavier)Bild: Meike Böschemeyer

"Fratres" (Brüder) heißt eines der berühmtesten Werke von Arvo Pärt. Als der weltbekannte estnische Komponist sein so asketisches wie eindringliches Werk schuf, schrieb man das Jahr 1977. Estland war Teil des Sowjetischen Imperiums. Die traumatische Erfahrung der russischen Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg mit brutalen Verbrechen an der Zivilbevölkerung war in sowjetischem Estland ein Tabuthema. Der Komponist selbst lebte sich als "innerer Emigrant" in der eigenen Heimat und war ein Fremder im internationalen Musikbetrieb. Doch die Zeiten ändern sich: Heute ist Estland ein freies und florierendes Land, Mitglied von EU und NATO, und der Komponist Pärt mit seinen 88 Jahren einer der beliebtesten und meist gespielten zeitgenössischen Komponisten weltweit. 

Genau diese historische Dynamik vermittle in der aktuell desaströsen Lage eine zumindest schwache Hoffnung, meint Alexander Graf Lambsdorff. Der stellvertretende Vorsitzende der FDP-Fraktion des Bundestages und designierter Botschafter der Bundesrepublik in Moskau nahm neben dem Soziologen und Osteuropa-Experten Gerhard Knaus am Konzert und der Podiumsdiskussion im Beethoven-Haus teil.

"Die Solidarität Europas mit Estland, aber auch mit der Ukraine ist für mich ein Zeichen, dass es, wenn es auch über längere Zeit schlimm sein kann, am Ende doch einmal wieder besser wird", so Lambsdorff während eines Gesprächskonzerts im Beethoven-Haus Bonn am 24. Februar, dem Jahrestag des "Putin-Krieges" gegen die Ukraine.

Kraft der Worte, Macht der Klänge

Mit der Veranstaltung im bis auf den letzten Platz gefüllten Konzertsaal leistete das Beethoven-Haus, Museum, Archiv und Forschungsstätte im Geburtshaus Ludwig van Beethovens in Bonn, seinen Beitrag zur Überwindung der Schockstarre und Sprachlosigkeit, in die der Überfall Russlands auf das westeuropäisch orientierte Nachbarland die ganze Welt anhaltend versetzte.

Spielen und sprechen gegen den Krieg: Künstler und Publikum im Beethovenhaus BonnBild: Meike Böschemeyer

"Es ist ein trauriger Anlass, der uns zusammenführt nach einem Jahr Krieg in Osteuropa", unterstrich Tilman Mayer, Präsident des Internationalen Clubs La Redoute. Der Club, der sich als "Netzwerk interessierter Bürger" versteht, hat den Abend im Beethoven-Haus mitveranstaltet.

Der revanchistische Charakter des russischen Angriffskrieges, Putins Begründung seines barbarischen Krieges als Antwort auf die NATO-Osterweiterung, verdiene keinerlei Rechtfertigung. "Diese Dekonstruktion der russischen Propaganda muss immer wieder erwähnt werden, um weiterhin die Unterstützung der Ukraine zu sichern und zu begründen", so Mayer weiter in seiner Rede. "Die Delegitimierung russischer Aggression mit starken Argumenten" sei global bedeutend.


"Das Beethoven-Haus hat sich von Anfang an hinter die Ukraine gestellt und das Hilfsprogramm 'Hope for Peace' gestartet, um Künstler und Musikforscher zu unterstützen, die vor dem Krieg fliehen", sagte Malte Boecker, Direktor des Beethoven-Hauses, der DW.

Initiierte das Gesprächskonzert mit: Malte Boecker, Direktor des Beethoven-Hauses in BonnBild: Meike Böschemeyer

Als einer der Ersten wurde der ukrainische Starpianist Alexey Botvinov Gast des Residenzprogramms des Beethoven-Hauses. Gemeinsam mit dem polnischen Violinisten Janusz Wawrowski gestaltete Botvinov den musikalischen Teil des Abends. "Vor einem Jahr, als dieser barbarische Krieg wie eine Lawine über uns kam, fand nicht nur ich persönlich, sondern auch mein Festival eine neue, hoffentlich provisorische Heimat in Bonn", so Botvinov im DW-Gespräch.

Der Pianist ist Gründer und mehrjähriger Intendant des Festivals "Odessa Classics" in seiner Heimatstadt am Schwarzen Meer. Während des Kriegsjahres fanden zahlreiche Veranstaltungen des Festivals nicht am angestammten Ort, dem Opernhaus von Odessa statt, sondern in Bonn und anderen europäischen Städten.

Mit Beethoven für die Ukraine: Im Hof des Beethoven-Hauses in BonnBild: Felix Heyder dpa

Europäische Verbrüderung

"Ich bin Malte Boecker sehr dankbar, dass er mit diesem Gesprächskonzert die Chance ergriffen hat, erneut an die Tragödie der Ukraine zu erinnern", sagte Botvinov der DW. "Denn, so furchtbar der Krieg mitten in Europa ist, auch er gerät nach einem Jahr ab und zu an den Rand der öffentlichen Wahrnehmung."

Die Auswahl des Programms soll die europäische Solidarität unterstreichen. Deswegen nahmen Botvinov und Wowrowski neben den Werken der ukrainischen Klassiker Myroslav Skoryk und Valentin Silvestrov auch Pärts "Fratres" auf. "Das ist ein symbolisches Werk", so Botvinov im DW-Gespräch. "Wie Brüder stellen sich die Völker Europas Schulter an Schulter neben das kämpfende Volk der Ukraine."

Schulter an Schulter: Iryna Schum, Generalkonsulin der Ukraine, Alexey Botsvinov (li) und Alexander Graf Lambsdorff Bild: Anastassia Boutsko/DW

Auch Iryna Shum, Generalkonsulin der Republik Ukraine in Düsseldorf, hält nicht viel von der Floskel über die schüchternen Musen, die lieber schweigen, wenn Waffen sprechen. "In den ersten Tagen des Krieges hat eine junge Musikerin des Jugendorchesters der Ukraine in einem Keller eine Videobotschaft aufgenommen", so Shum, sichtbar gerührt, in einer Ansprache ans Publikum nach dem Gesprächskonzert. "In dieser Videobotschaft sagte die junge Frau: 'Ich weiß nicht, wie man einen Molotow-Cocktail macht. Aber ich kann Geige spielen. Das ist meine Waffe'."

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