1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
Musik

Beethoven in der Nazi-Propaganda

Gaby Reucher
4. Mai 2020

Im Zweiten Weltkrieg nutzten die Nationalsozialisten Beethovens Musik systematisch für ihre politischen Zwecke. Danach haben Diktatoren und Freiheitskämpfer weltweit gleichermaßen seine Werke für sich entdeckt.

Links uniformierte Parteimitglieder, die applaudieren. Rechts auf der Bühne verbeugt sich Wilhelm Furtwängler.
Wilhelm Furtwängler dirigiert 1935 die Berliner Philharmoniker vor Nazi-GrößenBild: The Print Collector/Heritage Images/picture alliance/dpa

1945 erklang Ludwig van Beethovens Oper "Fidelio" in Wien als Zeichen der Befreiung. Die Alliierten hatten den Krieg gegen Nazideutschland gewonnen. Sieben Jahre zuvor hatten die Nationalsozialisten die Oper als "Siegesoper" im gerade besetzten Österreich zelebriert.

Kaum ein Komponist wurde in seiner Rezeptionsgeschichte so stark für politische Zwecke instrumentalisiert wie Ludwig van Beethoven. Seine Musik diente weltweit Diktatoren wie Freiheitskämpfern als Bestätigung ihrer jeweiligen politischen Anschauung.

"Das Geheimnis dieser Musik wird bis heute diskutiert", sagt der Musikwissenschaftler Michael Custodis von der Universität Münster im Gespräch mit der DW. "Die internationale Vereinnahmung ist eine sehr vielschichtige Kulturgeschichte, über die wir noch nicht sehr viel wissen und für die wir erst noch Erklärungsmodelle entwickeln müssen."

Eröffnung der Reichstheaterwochen in der Wiener Staatsoper 1938. Gespielt wurde "Der Rosenkavalier" von Richard StraussBild: picture-alliance/akg-images

Systematische Propaganda mit Beethovens Musik

Die Nationalsozialisten instrumentalisierten Beethoven für ihre Propagandazwecke. Dabei interessierte sie nicht nur seine Musik, sondern auch die Attribute, die dem Komponisten und Menschen Beethoven zugeschrieben wurden. Beethoven galt als Titan, als Held, der das Schicksal seiner Taubheit überwunden hatte und nicht zuletzt als deutsches Musikgenie.

Dass Beethoven auch für Werte der französischen Revolution wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stand, störte das Hitler-Regime nicht. "Diktaturen haben nie ein großes Problem damit gehabt, das historische Narrativ zu vereinnahmen und es im Zweifelsfalle einfach umzuschreiben", sagt Michael Custodis. "Hinzu kommt, dass sich der Nationalsozialismus immer auch als revolutionäre Bewegung inszeniert."

Eine Ausstellung über "Entartete Kunst" in den 1930er Jahren. Jazz war bei den Nazis verpönt.Bild: picture-alliance/dpa

Eine revolutionäre Bewegung, die - zumindest musikalisch - an alte Traditionen anknüpfen wollte: mit Zugpferden wie Beethoven und Wagner. Zur Organisation des musikalischen Geschehens gründete "Propagandaminister" Joseph Goebbels die "Reichskulturkammer" mit der Unterabteilung "Reichsmusikkammer". Ihr erster Präsident war der bekannte Komponist Richard Strauss. Er diente als kulturelles Aushängeschild der Diktatur. Werke von jüdischen Komponisten oder politischen Gegnern wurden als "entartete Musik" verboten.

Das kulturelle Erbe fortführen

Schon Kaiser Wilhelm I. hatte mit der Reichsgründung 1871 den Weg bereitet, wie man Kultur und Musik für die Regierung vereinnahmt. Er machte Schluss mit der romantischen Vorstellung, Musik und Politik seien zwei strikt voneinander getrennte Welten. Die internationale Anerkennung von Komponisten wie Beethoven, Wagner, Brahms oder Bruckner spielte ihm dabei in die Hände.

Michael Custodis beschäftigt sich mit der Musik in der NS-ZeitBild: privat

"Das Kaiserreich tritt für die Verwaltung des kulturellen Erbes auf den Plan und nimmt viel Geld in die Hand, um den Stellenwert, den sich das deutsche Musikrepertoire international in den Konzertsälen und auf den Opernbühnen erobert hat, auszubauen", erklärt Musikwissenschaftler Michael Custodis.

Außerdem wurde deutsche Musik in den Kolonien in Afrika und China gespielt - nicht zuletzt, um die "fremden Kulturen" missionarisch vom Wert deutscher Kultur zu überzeugen.

Nazi-Propaganda auch im Ausland

An diese Tradition knüpften die Nationalsozialisten an. Deutsche Lieder erklangen in Brasilien oder Chile und die Berliner Philharmoniker gingen als "Reichsorchester" auf Auslandstourneen. Dirigenten wie Wilhelm Furtwängler und Herbert von Karajan füllten mit Beethovens Orchesterwerken die großen Konzertsäle der Welt.

Als Beethoven-Interpretin war die Pianistin Elly Ney auf der ganzen Welt berühmtBild: picture-alliance/akg-images

Später im Krieg waren es Pianisten wie Elly Ney, Wilhelm Kempff oder Walter Gieseking, die Propagandakonzerte gaben und mit Beethovens Klaviersonaten das Durchhaltevermögen der Truppen an der Front stärkten.

Wem gehört Beethoven?

Dass Hitler die "Weltherrschaft" wollte, wurde spätestens im Zweiten Weltkrieg deutlich. Kulturell waren die besetzten Nationen zwiegespalten. Auf der einen Seite lehnten sie deutsche Sinfonik während des Krieges strikt ab, auf der anderen Seite spielten sie aus Protest genau diese Musik. "Man sprach den Deutschen das Recht ab, Komponisten wie Beethoven für sich zu vereinnahmen," erläutert Custodis.

Im Konzentrationslager Auschwitz spielte Fania Fénelon im "Mädchenorchester" und überlebte den HolocaustBild: DW/N. Batalov

Drei kurze und ein langer Paukenschlag - der Anfangsrhythmus der Fünften Sinfonie - waren im Krieg das Erkennungszeichen für die Auslandssendungen der BBC und damit für den Widerstand gegen die Deutschen. Im Morsealphabet stehen die Tonlängen für den Buchstaben V wie "Victory", also Sieg.

Die jüdische Musikstudentin Fania Fénelon aus Paris wusste von dieser politischen Symbolik, als sie im Konzentrationslager Ausschwitz inhaftiert war und die Fünfte Sinfonie für das "Mädchenorchester" arrangierte. In ihrem gleichnamigen Buch schreibt die Holocaustüberlebende, dass es sie mit Schadenfreude erfüllt habe, dass die Verwalter der Konzentrationslager diese Bedeutung nicht bemerkten.

Streit über Beethoven in Ost und West

Wilhelm Furtwängler darf nach dem Krieg wieder dirigieren und begrüßt 1947 sein Orchester, die Berliner PhilharmonikerBild: picture-alliance/dpa

In den ersten Jahren nach Kriegsende entbrannte zwischen dem Osten und dem Westen Deutschlands ein ideologischer Streit über das Recht, Beethovens Musik für sich zu reklamieren. In der DDR sah man Beethoven als Vorreiter des Sozialismus. "Sie sagten, man habe Hitler gemeinsam mit der Roten Armee besiegt und dürfe deshalb für das Friedfertige und das Europäische in Beethovens Musik sprechen", erläutert Michael Custodis.

Im Westen Deutschlands war man mit den Entnazifizierungsprozessen der Alliierten beschäftigt, denen sich auch der Dirigent Wilhelm Furtwängler stellen musste. 1942 hatte er noch anlässlich Hitlers Geburtstag mit den Berliner Philharmonikern Beethovens Neunte Sinfonie gespielt. "Ab 1948 gingen die Berliner Philharmoniker mit Furtwängler wieder auf Tournee, direkt nach England, deklariert als Friedensprojekt", so Custodis. Trotz heftiger Debatten um Furtwänglers Rolle im sogenannten "Dritten Reich" waren die Konzerte ausverkauft und die Musikkritiken überwältigend. Die Menschen wollten Musik und Politik wieder getrennt sehen.

Beethovens Neunte im Dienste der Politik

Die Studentenproteste 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking wurden brutal niedergeschlagen.Bild: picture-alliance/dpa

Nach dem Krieg wurde Beethovens Neunte Sinfonie weltweit in besonderer Weise politisch vereinnahmt. Den Machthabern im früheren Apartheid-Regime Rhodesien, heute Simbabwe, diente der vierte Satz in den 1970er Jahren als Nationalhymne. Unter der Militärdiktatur in Chile demonstrierten Frauen mit der Ode an die Freude für die Freilassung von politischen Gefangenen. Im Juni 1989 sangen Studenten in China die Ode bei ihren Protesten auf dem Platz des Himmlischen Friedens.

Leonard Bernstein dirigierte die Neunte 1989 anlässlich des Mauerfalls in Berlin. Politiker sangen die "Ode an die Freude" im Zuge der Wiedervereinigung. Beethovens Neunte Sinfonie ist auch Hymne der Europäischen Union mit ihren Werten von Freiheit, Frieden und Solidarität.

Dennoch mahnte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zur Eröffnung des Beethovenjahres 2020, dass große Kunst gebraucht werde, aber auch missbraucht werden könne. So wie Beethoven unter den Nationalsozialisten zur Darstellung eines überlegenen 'deutschen Wesens' missbraucht wurde. "Das mahnt uns auch zur bleibenden guten Vorsicht vor übersteigertem, unreflektiertem Pathos." 

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen

Mehr zum Thema

Weitere Beiträge anzeigen